Dienstag, 20. November 2012

Prost

Ich habe die Ukulele nicht an meinen Vormieter weitergegeben. Erstens weiß ich gar nicht wo ich den finde und zweitens hat sich die Ukulele bei mir ganz gut eingelebt. Und ich hab mich auch ganz gut mit ihr abgefunden. Den größten Teil des Tages bin ich sowieso außer Hause. Meine Alkoholvorräte sind inzwischen leider ziemlich aufgebraucht und die zuvor noch existierende Restordnung wurde in ein totales Chaos verwandelt.
Also daran bist du jetzt aber wirklich selber Schuld! Du hättest ja mal die leeren Flaschen wegbringen können.“
„Ne“, sage ich, „bring deinen Dreck mal schön selber raus!“

Nachdem ich einen halben Tag lang die Wohnung geputzt habe, sieht es eigentlich wieder recht ordentlich aus. Ich habe allerdings das Gefühl, mehr Flaschen raus getragen zu haben, als ich je in meinem Leben gekauft habe. Es sieht fast so aus als hätte die Ukulele den halben Weinkeller meines Nachbarn geplündert.

Hab ich gar nicht. Des war höchstens ein Drittel. Und überhaupt, was will der denn damit. Der ist doch sowieso die ganze Zeit bei irgendwelchen Mittelalter-Rollenspielen.“
Ich muss ihm Recht geben. LARP hat's meinem Nachbarn tatsächlich ganz schön angetan

Es klingelt.
Meine Nachbar steht in voller Montur vor meiner Tür. Die Rüstung sieht frisch poliert aus und auch das Schwert, das er in der rechten Hand hält, sieht aus wie neu.
Na, haben sie heut auch alles auf Vordermann gebracht?“, frage ich. Irgendwie muss man diesen Barbaren doch beruhigen können.
 
„Ham sie mir mein' ganzen Wein weggsuffa?“
„Nein“, sage ich eiskalt.
„Und wos is dann des?“, fragt er und deutet mit seinem gepanzerten Finger auf die Tüte mit Weinflaschen in meiner Hand.
„Ich kann mich nur wiederholen“, sage ich, „ich habe ihren Wein nicht getrunken.“
Die Ukulele kommt aus meinem Wohnzimmer. Ihr ursprüngliches braun hat sich an einigen stellen leicht rötlich verfärbt. Rotweinflechen, denke ich, die krieg ich ja nie wieder raus.

Jetzt hören Sie mir mal zu, mein lieber Glücksritter“, sagt die Ukulele in einem hoch offiziellen Ton, „Diese Weine haben zum Teil mehrere Jahrzehnte überdauert. Ein Verzehr ist deshalb nicht zu verantworten. Aus diesem Anlass mussten wir sie leider entsorgen. Sie können froh sein, dass wir sie nicht angezeigt haben.“

Der Mund des glänzenden Monsters vor mir ist leicht geöffnet, so als ob es etwas sagen wollen würde. Die Augen starren auf die Ukulele. Ich frage mich ob mein Nachbar so schaut, weil er eine sprechende Ukulele vor sich hat, oder weil er dieselbe nicht verstanden hat.
Saupreißn...“, murmelt er, dreht sich um und geht.
Gut gemacht!“, lobe ich die Ukulele, „Wie sprichst du eigentlich, du hast doch gar keinen Mund?“
„Ach, lass das mal meine Sorge sein“

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